Donnerstag, 17. November 2016

Brokat Teppich



in vielen köpfen gibt es immer noch schwarze winkel und mutterkreuze
entweder frau hat 'ne horde kinder oder ist halt im grunde teufel
das leben ist 'ne quizshow und wir fragten hundert leute
"dann gnade mir gott, wenn du nach hause kommst"
ist immer noch der meistgesagte satz, bevor ein mann seine frau verkloppt
und irgendwann im mai ist dann muttertag, blumen für sein mieses gewissen
denn im thailandurlaub hat er seine alte ma' wieder beschissen

und warum wird weiblicher wert weiterhin via gebährfreude definiert
fast so, als ob für befähigte im leben nicht mehr im heute existiert
und warum sprechen verliebte und die, die es mal waren, in besitzergreifendem vokabular
das will mir nicht in den kopf, aber verzeih es meinem opa sogar
aber was ist mit denen mit weit unter sechzig jahren altem trauschein
und überhaupt und sowieso, wieso will man heute noch bräutigam und braut sein
so toll können die steuervergünstigungen doch gar nicht sein
kauft doch lieber einfach so ein haus und legt einen brokatteppich rein

Szenerie



weil szenezugehörigkeit schon immer ausgrenzung hieß
war ich schon immer der, der lieber außen vor blieb
und so hing ich mit metallern, nerds und spasten, die rappten
die beliebten kinder zogen über mich her, wollten mich testen
doch genugtuung erfuhren sie nie, denn statt ihnen eine reinzuwürgen
fuhr ich weiter meinen eig'nen film, freak sein und scheitern mit würde
auch die mädels wollten mir niemals nie an die wäsche
denn ich saß lieber mit meinem textbuch in einer ecke
die andern waren erstaunlich oft ärzte- oder lehrerkinder
spätestens wenn sie im A6 vorfuhren fand ich sie dann sehr behindert
doch meine argumente haben ihr weltbild niemals verschoben
wenns nach ihnen ging sprach aus mir ja der neid oder ich fühlte mich vom leben betrogen
oder ich hatt' meine chance schon vertan wegen der drogen
die einserschüler meinten, ich könnt so viel besser sein, wenn ich wollte
was besser sein? der dreierschnitt war das ideal, dem ich folgte
mehr war halt nich drin, ohne meinen arsch hochzukriegen
sie waren damals schon angepasst, weil sie zukünftige karrieren liebten
und die ambitionierten arschgeburten mit ihrem einserschnitt
studieren jetzt jura oder medizin und schwimmen weiter mit
die beliebten poppervisagen hängen derweil im maschinenbaustudium
halten sich noch immer für topdogs und die kantinenfrau für dumm
und was sie dabei alle nich begreifen, peter pan zu bleiben
heißt noch lange nicht sich verantwortungslos zu zeigen
sicher ich sag, mich bewegen nur pornos und battlerap
doch in wirklichkeit such ich den zusammenhang zwischen mei'm shirt und dem ketchupfleck
ich sag auch, ich wär tagelang auf ketamin und dosenbier
dabei such ich eigentlich im park nach tretminen mit klopapier
erzähl scheiß wie die illuminaten wollen dich glauben lassen, dass du vitamine brauchst
doch mein, wenn man 'nen geldschein lang genug faltet, kommt immer 'ne pyramide raus
ich würd auch sagen in den letzten jahren bin ich entspannter geworden
doch andere sagen dann ich wär nur als eine metapher gestorben
in der zwischenwelt gefangen als wandelndes gleichnis meines versagertums 
und naturgemäß seh ich's anders, während ich ihnen in den vergaser pups

Dienstag, 15. November 2016

Chasing Amy



sie bringt bei tageslicht wo sie geht und steht männerköpfe zum nicken
mit der art wie ihre hüften von links nach rechts und zurück wippen
keiner weiß so genau, ob sie weiß, doch sie hält die welt in atem
schon kleine jungs wären für sie bereit zu verweg'nen heldentaten
und wenn dann die nacht anbricht, schließt sie den laden auf
erfüllt jedem seine träume, der sich leisten kann, dass er sie grade kauft
sie könnt laufstege erobern, bleibt lieber ein urbaner mythos
denn das steuerfreie einkommen, das sie kerlen aus der tasche zieht genügt doch
den lebensstandard zu wahren. wer weiß schon, was wird, wenn die blüte einst vergeht
wenn sie nicht mehr köpfe, sondern sie der zahn der zeit verdreht
doch bis dahin dreht sie vormittags mit mary jane runden im park
warum morgen planen, was zur seite legen, wenn sie heut noch arme hunde vernarrt
fünfzig euro, zwanzig minuten, standardprogramm damit der nächste kunde kommt
währenddessen erscheint ihr ein nullachtfünfzehn leben mehr als ungewohnt
die kippe danach pflichtprogramm wie die dusche nach der dienstleistung
und irgendwie bringt sie in jeder schicht dann doch die zeit rum
dabei verzichtet sie während der geschäftszeiten konsequent auf alk und gras
der kopf muss klar bleiben, schon damit sie immer ihre haltung wahrt
denn die ist alles was zählt, während sie nach zählbarem strebt
die kundschaft lebt die illusion von kontrolle während sie fast jedem arsch ein bläst
ihr geschäftsmodell, das älteste der welt und seit jahrhunderten gleichbleibend
sie ist seit jahren dabei und die erfahrungen sind mitunter leicht beißend
oder zumindest der körpergeruch des ein oder ander'n geschäftspartners
doch es gibt da einen, der wenn überhaupt nur am rande für den sex da is
er meint die krankenkasse zahlt eh nicht, also wieso dann 'nen seelenklempner
wenn er mit ihr doch sowieso so viel besser reden könne
am anfang noch zögerlich, nimmt sie's an, kassiert nicht ab
manchmal vergisst sie den businessplan beim reden die ganze nacht
er erzählt von alten wunden, angst vor sozialkontakten, was er für'n loser is
und sie geht auf ihn zu, fast in ihm auf, verrät auch das man sie eigentlich am andern ufer trifft
sie sind beide opfer der modernen zeiten, weil die möglichkeiten von hier bis zum mond reichen 
und sie doch nur immer ins leere greifen auf der suche nach eckpfeilern, die den weg weisen

Sonntag, 13. November 2016

Müll im Quadrat

wir verpacken müll in müll und nenn' das dann geschenk
wir verpacken müll in müll und nenn' das dann geschenk
 
die verdammte plastik macht mich krank, ich
werd sie nicht mehr los. der herpes der welt
hat sich untrennbar zu ihren meeren gesellt
und wir lagern weiter bananen verschlossen hinter cellophan
vollverwertung heißt, dass man jedes stück fleisch auch kleben kann
ich bin sicher kein vorbild für bewussten lebenswandel
denn ich kauf' scheiße in scheiße verpackt und werde kranker
klimawandel ist mir bedrohung und hoffnung zugleich
wenn die welt einst versinkt, wird gold ersetzt durch futtermais
und da kühe nicht schwimmen können ohne vollzulaufen
haben wir dann endlich einen guten grund konsum gegen vernunft zu tauschen
bis dahin verschwenden wir menschenleben, um öl unterm meer zu erreichen
um mit der abwärme dann wieder die wohnung kuschlig warm hochzuheizen
wir rennen mit wehenden fahnen stetig richtung untergang
und halten trotzdem weiter schweine zwischen stahl und beton gefangen
unser eigener lebensstandard hat uns längst gelähmt
und die uneinsichtigkeit der menschheit macht mich schwer beschämt
es bilden sich schlangen vorm regal mit den abgelaufenen gütern aus der massenproduktion
warum auch mehr bezahlen, wenn sich die hälfte wegzuschmeißen scheinbar lohnt...

Samstag, 12. November 2016

Neunzehnuhrdreißig, Donnerstagabend

Es ist Neunzehnuhrdreißig. Ich war gerade zum dritten Mal am selben Tag duschen und danach zum geschätzt vierzig- bis fünfzigsten Mal rauchen. Entspräche es nicht meinen üblichen Gewohnheiten, würde ich behaupten mir Mut angetrunken zu haben. Wir haben uns vor ein paar Wochen in der Straßenbahn kennengelernt und es entspann sich ein reger schriftlicher Austausch. Das Gefühl, bereits beinahe alles über sie zu wissen, hängt in der Luft. Sie hat sich für heute selbst bei mir eingeladen. Zwei Flaschen trockener Rotwein stehen parat und der Gin Tonic ist mal wieder mein treuer Seelsorger in den Stunden innerer Aufregung. Ich geh' lieber nochmal duschen, sicher ist sicher.

Gerade als ich mir das dritte frische T-Shirt des Tages übergestreift habe, klingelt mein Telefon. Sie sei gleich da und ich solle sie bitte von der Haltestelle abholen. Ich kenne das Dilemma ohne zuverlässigen Orientierungssinn zu leben, also zieh' ich mich an und beginne mir, beim Herabsteigen der Treppe, eine Zigarette zu drehen. 

Beim Verlassen des Hauses bemerke ich zwei Dinge. Erstens, es ist wärmer, als ich es von einem Herbstabend erwartet hätte, also öffne ich die Jacke. Zweitens, ich hab schon gut einen sitzen.

Als ich die Haltestelle erreiche, kommt ihre Bahn an. Sie steigt suchenden Blickes aus und wir umarmen uns zur Begrüßung. Was folgt ist der übliche Small Talk, während wir zu meiner Wohnung gehen. Vor der Haustür fragt sie, ob wir erst noch eine rauchen wollen. Klar, wieso nicht?! Ich hab ja grade erst. Wir genießen die Herbstsonne, ehe wir hoch in meine Wohnung gehen. Ich öffne die Tür und nehme ihr die Jacke ab, um sie sorgfältig auf meinen Klamottenberg zu werfen. Dann führe ich sie durch meine Wohnung, was bei zwei Zimmern ziemlich zügig geht. Ich frage, ob sie etwas trinken möchte und kann ihr - tada! - trockenen Rotwein anbieten, als hätte ich es mir gemerkt und nicht in unseren Nachrichten nachgelesen. Ich schenke mir selbst auch ein Glas ein und wir stoßen an. Es folgt eine knappe Stunde weiteren Small Talks mit Tendenz zum Big Talk. Der Abend geht so dahin, die Musik dudelt im Hintergrund und wir reden und trinken und trinken und reden, bis die Flaschen sich geleert haben. Weil alles andere schon geschlossen hat, haste ich nochmal schnell zum Späti um die Ecke. Was sie in der Zeit allein in meiner Wohnung macht? Keine Ahnung. Sie wird schon kein Feuer legen.

Irgendwann sitzen wir dann mit den inzwischen nachgekauften Rotweinflaschen drei und vier nebeneinander auf dem Boden, als sie mich plötzlich zu sich heranzieht und mich küsst.

Das habe sie jetzt einfach tun müssen. 

Nach wenigen Augenblicken reißt sie mir die Brille von der Nase und schiebt sie übers Parkett ans andere Ende des Zimmers. Gut möglich, dass wir gerade ein Glasgefäß umgeworfen haben. Ob es eines der Gläser oder die halbvolle Flasche war? Egal. Wir liegen auf dem Boden, sie zieht mir mein Shirt aus und wirft es ungefähr in Richtung der Brille, während eine ihrer Hände meinen Kopf umklammert und die andere meinen Schritt massiert, lasse ich meine Hand unter ihre Bluse wandern, öffne mit der anderen die obersten Knöpfe und ziehe sie ihr über den Kopf aus. Sofort saugen sich ihre Lippen wieder an meine. Sie löst mit einer Hand meinen Gürtel und sieht mich schief an wegen der Button Fly Jeans, die sie mir gerade herunterzuzieht. Ich schaue an mir herab und schäme mich ein wenig für den Bierbauch mit Mitte Zwanzig. Sie tastet sich wieder an mir nach oben und küsst meine Brust, ihre Hand greift in meine Buxe. Ich bemerke die vielbeschworene, betäubende Wirkung des Alkohols. Naja, wird schon werden.

Ich drehe sie auf den Rücken und beginne zunächst ihren Hals zu küssen, umspiele ihre Brüste mit meiner Zunge und bahne mir meinen Weg nach unten, um sie nun ihrer Hose zu entledigen. 

So viel zu button fly, scheiß Skinny Jeans! 

Als diese Mammutaufgabe, unterbrochen von lautem Lachem, vollbracht ist, scheint meine Buxe wie von allein von meinen Beinen zu gleiten, während meine Hand durch ihren Slip das verheißungsvolle Land kartographiert. Nun wirft sie mich auf den Rücken und ich könnte schwören in Rotwein zu liegen, doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, umschließen ihre Lippen meinen Schwanz und ich beginne unweigerlich die Gin Tonics und die ungefähre Menge Wein zu schätzen. Zu viel, so viel wird mir jetzt klar. 

Ich flüstere ihr Verfluchungen auf den Alkohol ins Ohr, um ihr im selben Atemzug zu versichern, meine Zunge sei gelöst und meine Finger standhaft. Also fügt sie sich der bedingt aussichtslosen Situation, setzt sich vor mir auf und eröffnet mir den Pfad zum Venushügel. Die folgenden Stunden verbringe ich auf meinen Knien zwischen ihren Lippen pendelnd  und sie wird sie mir später, als wir eng umschlungen noch eine Zeit lang auf dem ausgekühlten Fußboden liegen, als aufregend schön schildern.

Nachdem wir das Konzept der Zeit wiederentdecken, bringe ich sie zum Bahnhof, wo wir gemeinsam auf den ersten Zug für sie aus der Stadt warten. Ob ich sie wiedersehen wollen würde, will sie von mir wissen und ich bejahe ihre Frage ohne Reue oder Scham für meine alkoholinduzierte Dysfunktionalität an diesem Abend.