Montag, 10. Juni 2024

Anne | Ostdeutschland Fraktur

“Es ist wieder wie früher, als ich in deinem Alter war.

Leipzig lag gar nicht so weit entfernt, das weltoffene Leipzig, die Messestadt und Studentenhochburg. Sie war jederzeit zu erahnen. Oft genug erkannte Anne den Uniriesen und das Wintergartenhochhaus am Horizont. Doch hier, kurz vor Leipzigs Toren, begann schon das Niemandsland, Dunkeldeutschland, wenn’s auch nicht das Vogtland war. Hier stand nicht Free Lina an den Wänden, hier prangten Hakenkreuze, Anti-Antifa-Schriftzüge und Einsen und Achten an den Fassaden. Hier trugen erschreckend viele unironisch Ostdeutschland-Schriftzüge in Fraktur, ganz gleich ob tätowiert oder auf den Klamotten, und Thor Steinar stand hier ganz eindeutig für ein Weltbild. Die guten Leute aus der Schulzeit waren direkt nach der Schule zum Studieren oder wegen der Lehre nach Berlin, Leipzig, München und so weiter gegangen. Kaum einer kam je zurück. Anne ging nach dem Abi 2010 auch, doch sie kehrte wieder. Ihr eigenes Studium hatte sie nach zwei Jahren hingeschmissen. Lieber trug sie hier in der Provinz weiße AirForce One, eine Cargohose und Fred-Perry-Jacken. Aus dem mattschwarzen Integralhelm blickte sie fast täglich von den Hügeln, die eigentlich alte Deponien waren, über die Felder ihrer sogenannten Heimat. Besonders im Frühjahr und Sommer tauchten die ersten Sonnenstrahlen des Morgens die Landschaft in warmes Licht, doch in Annes Augen spiegelte die Morgenröte nur ihren flammenden Hass auf so vieles, was zwischen den Hügeln lag und geschah. Kleine Städte und Dörfer, kleine Waldabschnitte lagen dann friedlich vor ihr. Die Szenerie täuschte nur auf den ersten Blick über den blanken Hass und die fehlgeleitete Wut der Leute hinweg. Während etliche kleine Initiativen mit geförderten Stellen und Ehrenämtlern versuchten, die Leute und vor allem die Jugendlichen zurückzugewinnen, widmete sich Anne ganz der praktischen Arbeit. Sie heizte immer wieder die S51 hoch und ballerte über die Feldwege. Die Stahlrute klapperte während ihrer Ausfahrten in der Befestigung am Sattel. Lina E. hatte es vorgemacht, die sogenannte Mitte der Gesellschaft hatte die Gruppe damals wohl nicht überzeugt, Anne schon. Nazis sollten wieder Angst haben.

 

“Es ist wieder wie früher, als ich in deinem Alter war”, sagte ihr Vater seit 2014 immer öfter. Er selbst hatte sich Anfang der 90er Schlägereien mit dem Faschistenpack geliefert, als sich auf das Vakuum der Nachwendezeit ihre Strukturen verfestigt hatten. Die Glatzen überfielen den einzigen Jugendclub der Stadt und die alte Villa, die befand sich damals in Zeckenhand. Ab Anfang der Zweitausender schlief der gröbste Stress ein, nicht zuletzt, weil NPDler das eigene Bild nicht beschmutzt sehen wollten. Die Haare etlicher Rechter wurden länger, das Bild von der Glatze in Bomberjacke schien bald ein Schrecken der Vergangenheit, Schnürsenkelfarben und deren Schnürung wurden immer uninteressanter.

 

Am Abend des 18. März pumpte durch Annes Adern Adrenalin. Mit etlichen früheren Wegbegleitern aus dem Leipziger Süden wartete sie vor dem Jugendclub der Kleinstadt auf die Gegenseite. Drinnen fand gerade ein Ska-Konzert mit den wenigen statt, die sich getraut hatten. Anne wartete, ihr Atem kondensierte, es war nochmal kalt geworden, um die Null Grad. Spannung lag in der Luft. Die meisten trugen Maske und alle hatten sich bewaffnet. Stahlruten, Quarzhandschuhe, Knüppel, Schlagringe. Sollten die anderen nur kommen, kein Millimeter nach rechts in gelebter Praxis.

Nach über zwei Stunden, quälender Stille waren die anderen zu hören, sie kamen und sie kamen immer näher. Ihre Schritte hallten in den Straßen und zwischen den Wohnhäusern wider, dann endlich sah man sie in der Dunkelheit. Sie waren viele. Wie es bei ihnen Mode war, befanden sie sich gegenüber Annes Seite deutlich in der Überzahl.

“Der Führer wäre stinksauer!”, schrie Anne ihnen entgegen. “Das ist doch kein Gleichschritt!”

Nun flogen Flaschen in Annes Richtung, Schreie wurden laut und die üblichen Parolen gegrölt. In den umstehenden Häusern erloschen die Lichter. Dann begann der Ansturm. Es klatschte, es schepperte. Schmerzensschreie wechselten sich mit wütenden Rufen ab, vermengten sich. Die kleine Gruppe hatte sich in einer Engstelle nahe dem Eingang versammelt, dennoch ging auch von ihnen immer wieder jemand zu Boden. Blut färbte den Asphalt. Doch sie hielten stand und wie es mit den Faschisten eben so war, wenn sie nur genug kassierten und das Kräfteverhältnis langsam ins Gleichgewicht kam, zogen sie sich bald zurück.

Eine genaue Chronik der Geschehnisse der Nacht konnte wohl niemand ablegen, doch zählte nur das Ergebnis. Kein Fußbreit dem Faschismus.

 

“Es ist wieder wie früher, als ich in deinem Alter war”, hatte ihr Opa vor ein paar Jahren gesagt. Er hatte damals in den späten Zwanzigern Schlägereien zwischen Faschisten und Kommunisten vor den Wahllokalen erlebt. Als Kind und Jugendlicher hatte er damals den Aufstieg der Nazis in der wankenden Weimarer Republik erlebt, war selbst in der HJ und später im Krieg und in Gefangenschaft gewesen.

 

Am frühen Morgen des 01. September verließ Anne ihre Wohnung, um sich auf den Weg zu ihrem Wahllokal zu machen. Kurz nach ihrer eigenen schloss sich eine weitere Wohnungstür und Schritte folgten ihr durchs Treppenhaus. Nach den ersten Metern auf der Straße bestätigte sich Annes Verdacht, es war ihr Nachbar, der dumme Hundesohn, und er folgte ihr. Anne wusste, sie musste durch die Schlippe am Freibad gehen oder einen zwanzigminütigen Umweg wählen. Sie tat letzteres und ihr Verfolger hatte prompt sein Handy in der Hand. Anne wusste Bescheid und beschleunigte ihren Schritt. Es gesellten sich nun weitere Nazimacker zu ihrer Gefolgschaft, die schon oft genug kassiert hatten. Ein Auto fuhr vorbei, auf dessen Heckscheibe Masterrace geschrieben stand, wohl niemand, der einfach zum Bäcker wollte. Anne blickte zurück, die Gruppe hinter ihr hatte aufgeholt, nun ging auch sie schneller und fühlte gleichzeitig nach dem Schlagring in der Jackentasche. Das Auto hatte mittlerweile angehalten und eine Gruppe von fünf Fascho-Atzen stand auf dem Gehweg vor ihr. Zwei zu Annes linker, zwei zu Annes rechter Hand und in der Mitte Kowalski, breit gebaut, mit Steroiden vollgepumpt und kampferprobt, Prototyp des Baseballschläger Nazis, Relikt vergangener Tage, aber noch immer gern gesehen als Vollstrecker unliebsamer Aufgaben. Sie hatten Anne umzingelt. Zum Glück, dachte Anne, hatte sie nicht die Schlippe gewählt, dann wäre es jetzt wohl schon vorbei. Sie starrte Kowalski an, er starrte zurück. Beleidigungen wurden ausgetauscht, hier ein Schubser, da ein Rempler seitens der Nazischweine. Nach quälend langen Minuten baute sich Kowalski direkt vor Anne auf, packte sie von vorn an den Arsch.

“Kleine Antifa-Fotze, dich zerfick ich noch richtig.”

Er grinste, schien sich für seinen Einfallsreichtum sehr zu feiern, und machte mit ausgebreiteten Armen einen Schritt zurück. Anne nutzte die Gelegenheit, zog die beringte Hand aus der Jackentasche, traf perfekt und rannte. Sie rannte, bis die Lunge brannte. Auf Hilfe brauchte sie nicht zu hoffen, ihre einzige Chance war, bis ins Wahllokal zu kommen, in der Hoffnung, Kowalski und sein Trupp würden wegen ihr keinen Terror in der Schule machen. Mit Feuer in den Adern riss sie die Tür zum Schulhaus auf. Kowalski ließ den Motor seines alten BMW aufheulen und raste weiter. Sie hatte es geschafft. Nach kurzem Durchatmen betrat sie die Kabine und setzte ihre Kreuze. Anne ließ noch eine halbe Stunde verstreichen, ehe sie wieder nach draußen ging und beim Verlassen des Schulhauses sondierte sie die Lage ganz genau. Es war niemand zu sehen, der verdächtig wirkte. Die meisten Nazis kannte sie nur zu gut. Dann machte sie den entscheidenden Fehler, wollte nur schnell heim, und wählte den Weg durch die Schlippe. Genau darauf hatten Kowalski und die anderen Schweine spekuliert und ließen die Falle zuschnappen. Drei Mann riegelt von hinten ab, drei kamen ihr von vorn entgegen und Anne war gefangen in dem Durchgang unter der Bahnstrecke. Das eine oder andere Souvenir konnte sie ihren Gegnern noch verpassen, doch ihr Kampf war aussichtslos und als Anne zu Boden ging waren die verzerrten Fressen der Angreifer und deren Stiefelsohlen das letzte, was sie sah.

Freitag, 3. April 2020

#zuhause


Es war um den Jahreswechsel, als uns die Nachrichten eines neuen, hochansteckenden Virus' erreichten. Da hieß es noch, die Grippe sei viel, viel schlimmer, selbst wenn alle Statistiken zu Ansteckungsrate und Krankheitsverlauf das Gegenteil indizierten. Anfangs lachten wir auch noch darüber, dass das Regime in China eine ganze Provinz abriegelte. Sowas gäbe es auch nur in einer Diktatur.

Einige Wochen später erreichte auch uns der Virus und wir wurden alle in unsere Wohnungen verbannt. Hashtag zuhause begleitet von Polizisten auf Spielplätzen, in Parks, in Hubschraubern über den Städten und Denunziantentum im engeren Wohnumfeld. Es fühlte sich an, als warteten wir alle aufs Ergebnis des AIDS-Tests. Vorsorglich schenkten wir deshalb nach und nach unsere Rechte her. Auf Ausgangsbeschränkungen folgten freigegebene GPS-Daten und Bewegungsprofile. Feuchte Träume von Autokraten erfüllt vom freien, panischen Bürgerwillen. Sondervollmächte und Ermächtigungen bis die Krise ausgestanden sei. Doch wann war ein Virus je verschwunden? Die wenigsten waren darauf vorbereitet die Freiheit einst Stück für Stück zurück zu erobern. Zu sehr waren wir auf unsere eigene, kleine Blase getrimmt.

Die Einschränkungen im Privaten gingen Hand in Hand mit Schließungen all überall. Konzerne und Unternehmen, die selbstbeweihräucherten Motoren unserer Gesellschaft, sie alle beantragten sofort Kurzarbeit. Die Arbeiter, die Angestellten, alle auf Biegen und Brechen über Jahre bis zum letztmöglichen Tag für die letzten Kröten ausgepresst, sie alle wurden schnellstmöglich herabgesetzt auf fünfzig, zwanzig oder gar null Prozent ihrer Arbeitszeit, sahen ihre Felle davonschwimmen. Die Vermieter, die Banken, keiner war bereit, auf sein Geld zu verzichten. Stundungen das höchste der Gefühle. Währenddessen beschlossen Milliardenkonzerne, die immer schon, wo immer möglich ihre Steuerlast kleinrechneten, ihre Zahlungen einzustellen. Kredite? Können wir nicht bedienen. Mietzahlungen für Ladengeschäfte? Wie denn, ohne Einnahmen.

Und die geschundenen Massen? Sie kuschten weiter. „Gott bewahre uns vor der Arbeitslosigkeit. Die abhängige Beschäftigung macht uns frei.“

Parallel dazu schrien die Firmen, die sich durch Abgaben und staatliche Beschränkungen in ihrem freien Handeln eingeschränkt fühlten, sofort nach Vater Staat. Vater unser, der du sitzt im Reichstag, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Unsere Hilfszahlungen gib uns heute. Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Gläubigern. Erlöse uns von der Lohnfortzahlung. Denn dein ist das Recht und die Republik. In Ewigkeit. Amen.

Während also die einen zwangsentschleunigt wurden, die anderen ihre Milliarden retteten und, ohne dass sie es in der Form wollten, die systemrelevanten Berufe in den Mittelpunkt gespült wurden, wurden auch die Rufe immer lauter. Zunächst noch verhalten, bald immer überzeugter. „Asylbewerber auf die Felder!“ „Und Fridays For Future!“ „Und Hartzer!“ „Und die linksgrünversifften Meinungsdiktatoren sowieso!“ Der gute, aufrechte Biodeutsche habe schließlich ein Geburtsrecht auf Spargel. Zwangsarbeit zur Erntezeit war der schmale Grat, auf dem man wandeln wollte. Der Protest dagegen verhallte in den Unweiten der gedrosselten Internetgeschwindigkeit.

So gingen die Wochen ins Land, bis wir kurz vor Beginn der zweiten Jahreshälfte wieder ohne Passierschein den Arbeitsweg antreten durften. Dort angekommen sagte man uns, es sei nun unabdingbar, hundertfünfzig, ach was, zweihundert Prozent zu geben, um die wirtschaftlichen Schäden abzufedern. Natürlich dürfe man sich wieder frei bewegen, aber bisherige Arbeitszeitregelungen müsste man nun zunächst außer Kraft setzen, bis die Krise ausgestanden sei. Der Virus habe schließlich eine noch schwerer wiegende Wirtschaftskrise bedingt. Wie vorher könne man da nicht weitermachen. Die Natur, die versucht hatte, zurückzuschlagen, hatte man ja wieder unter Kontrolle gebracht. Jetzt galt es das gottgleiche Wesen des Marktes am Leben zu erhalten, damit er alles weitere regeln konnte.

Montag, 13. Januar 2020

Klandestines Wohnen


Ich war nie ein besonders engagierter Mensch. Ich machte zu wenig Sport, rauchte unentwegt, kaufte Billigfleisch in Plasteverpackungen. Mein Abwasch türmte sich oft wochenlang, bis das Konstrukt zu fallen drohte, ehe ich endlich aufwusch. Mit Mühe und Not schaffte ich es, jeden Tag arbeiten zu gehen. Kurzum ich war ein Musterbürger. Von der Lohnarbeit zu entkräftet.
Und nicht nur fehlte mir oft genug die Kraft, auch Mut war nie mein Steckenpferd. Statt mich zu offenbaren, mich zu erkennen zu geben, lauschte ich lieber den Tiraden der selbsternannten Bürgerlichkeit, wenn sie sich de facto als Faschisten outeten. Schließlich kam es, wie es kommen musste, dass ich, als die Masse jubelnd zustimmte, meine Ablehnung nicht mal mehr flüstern konnte. Ich hatte meine Stimme verloren, den Moment verpasst, da reden noch etwas gebracht hätte.

So ergab es sich auch, dass ich eines Tages wieder durch meine Küche schlich, während Liebknecht mit Luxemburg und Brecht in meinem Schlafzimmer am dort von mir aufgestellten Küchentisch saß. Fenster und Türen hielten sie geschlossen ebenso die Vorhänge. Das Licht hatten sie gedimmt. Bis auf vereinzelte Ausrufe war selten mehr als ein Flüstern von ihnen zu vernehmen. Wie sie wirklich hießen, fragte ich nicht. Was sie im Detail besprachen, wusste ich nicht. Was mir drohte, wenn sie aufflogen, verdrängte ich. Ich hoffte schlicht, sie würden den Karren aus dem Dreck ziehen, in den ich ihn mit meiner anhaltenden Passivität mit herein gesteuert hatte.
Immer zeitiger wurde es jetzt dunkel an den voranschreitenden Herbsttagen, immer größer auch die Gefahr, ertappt zu werden in dem Zimmer mit Blick aufs Hinterhaus. Ob es nicht besser sei, den Fernseher ausgeschaltet, das Licht gelöscht zu lassen in meiner Wohnküche, hatte ich sie mal gefragt. Es sei sicherer den Streifen auf der Straße dasselbe Bild wie in den anderen Wohnungen zu bieten, bekam ich zur Antwort.

Es wurde wieder ein später Abend, ehe der erste von ihnen das Zimmer verließ, auf Socken durch den dunklen Flur zum Türspion schlich und ins Treppenhaus spähte. Wenn er zu den anderen zurückkehrte, ihnen sein Okay gab, hörte ich auf ihre Schritte, hörte auf die Tür, wie sie sich öffnete, wieder schloss. Wie immer verharrte ich noch ein paar Minuten vor dem Fernseher, bevor ich ins andere Zimmer ging, den Umschlag vom Tisch nahm und in meine Arbeitstasche steckte. Wie immer würde ich den Tisch erst am nächsten Morgen zurückstellen, wenn das morgendliche Getümmel des Arbeiterhauses alle Geräusche übertünchte. Und wie immer würde ich dann, auf dem Weg nach draußen, die Adresse aus meinem Briefkasten greifen, mir einprägen und mit der ersten Zigarette verbrennen.
Hätte ich nur ein wenig eher den Arsch hochgekriegt und Mut gezeigt, hätte ich es an diesem Tag nicht schon wieder tun müssen. Das Leben im Konjunktiv, es könnte so schön sein, doch das war es nicht. Denn als sie kamen, inszenierten sie sich als Volksvertreter, Volksversteher und der um sich greifende Wahn bestätigte sie. Die geschürten Ängste und die Wut bildeten die Bugwelle für sie. Das Boot sei voll und in seinem Fahrwasser wurden sie nach und nach in die Parlamente gespült. Als dann noch ihr charismatisch-eloquenter Heilsbringer kam, konnten sie frei schalten und walten. Kulturfonds wurden eingestampft, Vereinen die Finanzierung entzogen, Intendantenposten nach Belieben neu besetzt. 
Das Volk, dem sie Geld und Liebe versprachen? Es spielte ihnen weiter fleißig in die Karten. Verflogen war die Angst, man könne Dieselmotoren und Flugreisen verbieten. Für den deutschen Michel änderte sich tatsächlich nichts, sofern er denn berufstätig war. Erbschaften blieben bis zu horrenden Summen steuerfrei, Männer konnten weiter bedenkenlos ihre Frauen prügeln, Hausfrauen und Mütter mussten sich nie wieder rechtfertigen und endlich gab es Mutterkreuze in Gold und Platin.
Wer Hartzer war oder in einem Orchideenfach studierte, wurde dazu verordnet in seines oder ihres Schweißes Angesicht zu glänzen.
Mit dem Umbruch ausgelernt und stets unter dem Radar geflogen, konnte ich mich noch relativ sicher bewegen und handeln, die Botschaften derer, die mehr zu sagen, zu leisten wussten weitertragen.

So bog ich an diesem Morgen auf meinem Weg zur Haltestelle in eine Seitenstraße, um den Umschlag einzuwerfen. Ich hatte bereits zwei Gestalten hinter mir bemerkt und als ich mich hinkniete, um meine Schuhe zu binden, wurde es schwarz vor meinen Augen...

Montag, 1. Juli 2019

Spoiler - Ich habe meinen Nachbarn sterben gehört

Es war ein ganz normaler Abend Mitte April. Über mir tobte das Leben, oder viel eher machte das Leben ihn toben. Ich konnte nie herausfinden, ob es zu viel oder zu wenig Stoff war, der das aus ihm heraus kitzelte. Aus diesem hageren Häufchen Elend, diesem Opfer seines eigenen Lebens. Die Augen gerahmt von schwarzen Ringen, die Haut fahl, den kalten Schweiß auf der Stirn wirkte er immer, als kuriere er gerade eine schlimme Grippe aus.
Seine bessere Hälfte blieb, trotzdem er immerfort mit ihr in den allerhöchsten Tönen sprach.

"Schlampe!"

"Fotze!"

"Verpiss dich, du Hure!"

Türen knallten, Teller flogen und zerschellten.
Die Beamten rückten an, nachdem das Mobiliar zerbarst.
An diesem Abend waren die Bullenschweine erstaunlich gern gesehene Gäste im Haus, nachdem alle Beschwerden, alle Gesprächsangebote, alle Drohungen gar an der Wohnungstür verhallten.
Das Blaulicht lud beinah' zum Tanzen ein, die immer gleichen Fragen bildeten die Bassline: "Haben Sie was genommen? Haben Sie getrunken?"
Seine Argumentation drehte sich entgegengesetzt im Kreis: "Hab ich Sie angerufen? Nein! Also, warum reden Sie mit mir?"
Schnell war mir klar, dass er damit die Beamtengemüter nicht besänftigen konnte.
So führten beide Parteien eine ganze Weile ein rhetorisches, höchst eloquentes Tänzchen auf.

"Was ist hier vorgefallen?"

"Das geht Sie gar nix an!"

"Haben Sie was genommen?"

"Das geht Sie gar nix an!"

Und so weiter und so fort.

Dann wurde es verdächtig ruhig. Vom Fenster sah ich die Freunde und Helfer seine bessere Hälfte zum Dienstwagen eskortieren.
Er hatte sich irgendwann wieder gefangen, alleingelassen mit sich in der Wohneinheit.

Später hörte ich die Dusche laufen, dann den Knall von Biomasse auf Keramik. Es folgten Schmerzensschreie in immer länger werdenden Intervallen und das quietschende Rutschgeräusch strauchelnder Gliedmaßen in der Duschwanne. Noch später wurde es, bis auf das gleichmäßige Rauschen in der Wasserleitung, still und ich konnte endlich schlafen.

Als am nächsten Tag niemand dem abgehalfterten Hausmeister öffnete, drehte der prompt den Haupthahn zur Wohnung ab, klebte einen Infozettel an die Tür, man möge sich bei ihm melden.

Auch die nächsten Tage blieb es auffällig unauffällig im Stockwerk über mir. Weder sah noch hörte ich ihn oder sie. Wäre er die Oma aus dem dritten Stock gewesen, ich hätte mich gesorgt, doch so genoss ich wie der Rest des Hauses den faulen Frieden.
Ich weiß nicht mehr, wie lang es dauerte, bis der süßliche, moschusartige Duft der späten Gerechtigkeit seinen Weg durch die verschlossene Wohnungstür ins Haus fand. Bis man ihn in einer schlichten schwarzen Kiste aus dem Haus trug. Bis die Spezialreiniger kamen. Bis endgültig Ruhe einkehrte.

Donnerstag, 31. Januar 2019

Dornenkrone


Das Haupt wiegt schwer unter der Dornenkrone.
Der Tod des Messias' hat doch schon Methode.
Kenn das Gefühl zu gut: hinschmeißen, bleiben lassen,
statt Schwäche zeigen, lieber Scheiße quatschen.

Das Hemd gebügelt die Krawatte sitzt.
Null, acht, fünfzehn von neun bis fünf,
dann noch kurz zusammenreißen
und zu Haus die Segel streichen.
Morgen verkauf' ich wieder das Leben als Witz
und der Alltag bürstet mich gegen den Strich.
Denn während Gesundheitsminister Reden schreiben,
muss ich mir jeden Tag aufs Neue Zähne zeigen.
Du bist dumm und hässlich,
schreit die Stimme im Kopf täglich.
Also im Laufschritt vor Karriere fliehen
und die verdammten Konsequenzen ziehen.
Die eig'nen Fehler erkennen, Brücken abbrechen,
statt Ja und Amen sagen, endlich anecken.
So schlag ich Sprossen aus der Karriereleiter,
such' nach Chancen und mach das hier weiter.
Dreiundneunzig Kilo Minderwertigkeitskomplexe und Angstneurosen.
Sicher, ich könnt' das schon, doch wollt nie ganz nach oben.

Und von RAG
bis nach Roubaix
das Leben baut auf Pfade aus Kopfsteinpflaster.
Vierzig Stunden die Woche kämpf ich mit dem Kotzreiz, Alter.
Also frag nicht, was will ich erreichen,
rational lässt sich das nicht begreifen.
Lebensentwurf eher so 'ne Mischung aus Buk und Kafka
als Maschmayer, Trump und Prawda.

Kann schon sein, dass es mir mal auf die Füße fällt,
doch man muss 'ne Richtung wählen, solang man die Zügel hält.
Und wenn jede Faser schreit: jetzt oder nie!
Dann setz' ich aufs Spiel!

Freitag, 18. Januar 2019

Alter Freund


Wie lang kennen wir uns?
Zehn, zwanzig Jahre?

Ein Leben lang!
Du warst immer da.

Mit sechs der erste Kuss,
hat mich komplett umgehauen.
Dann lang nur von Ferne betrachtet,
bis ich so dreizehn, vierzehn war,
da hast du mich eingefangen,
in deinen Bann gezogen.

Du hast jeden Umzug mitgemacht,
jede Frau mit mir geteilt,
jede Party, auf der ich war,
besuchten wir Hand in Hand.

Dann Schläge in die Magengrube
eingeschlossen im Bad,
in der Straßenbahn,
in dunklen Seitenstraßen.

Ich bin immer zurückgekommen,
hab immer dein Versprechen geglaubt,
alles würde besser mit der Ewigkeit,
doch hatte ich dann ausgeschlafen,
blieb nur der Trennungsschmerz,
deine kalte Schulter.

Hab dich nie besser kennengelernt
als damals mit sechs.

Wir sehen uns immer noch gelegentlich,
doch du bist nur noch ein alter Freund.

Samstag, 29. September 2018

Sommer in der Stadt


Als er wach wird, hat die Sonne ihren Zenit bereits überschritten. Er wischt sich die Hände am Laken trocken, zieht sich Unterhose und T-Shirt an. Der Geruch der Milchsäure steigt ihm aus dem Wäschekorb in die Nase. Er rafft sich auf, packt den Korb, geht ins Bad und schüttet den Inhalt unbesehen in die Maschine, schlägt die Tür zu und geht weiter in die Küche.



Er spült eine der herumstehenden Tassen flüchtig aus, gießt sich den letzten, kalten Kaffee vom Vortag ein und stellt sich ans offene Fenster. Auf der Straße unter ihm ist es ungewöhnlich ruhig. Er sieht auf die Uhr: 16.43. Eigentlich Zeit für Begängnis, Hochbetrieb, Geschäftigkeit, Feierabendverkehr. Kurz: Montagnachmittag.



Der Himmel babyblau, kein weißer Fleck weit und breit, der die Optik verschandeln könnte. Nur aus der Ferne sind die Schläge der Rotorblätter eines kreisenden Hubschraubers undeutlich zu vernehmen. Auch die Rufe aus dem Stadtzentrum sind nicht zu verstehen, doch er kennt sie bereits. Er weiß, was er morgen in den Zeitungen wird lesen können. Die Arme von einigen zum alten Gruß gehoben, Parolen proklamiert. Er weiß, was darauf folgen wird. Die üblichen Grabenkämpfe in den Kommentarspalten. Alle über jeden Zweifel erhaben. Die einen werden den Mob verharmlosen und die Schuld für die Ausfälle auf gezielte Provokationen der Gegenseite schieben, während die anderen mit einem Vergleich jede Diskussion im Keim ersticken werden. Er verabscheut die - womöglich wirklich - Besorgten für ihre Anbiederung bei den Fahnen schwenkenden Schreihälsen. Doch er will sich nicht zu erkennen geben. Noch nicht.



Er geht zur Küchenzeile, wiegt die Box vom Asia-Lieferservice in der einen Hand, während er mit der anderen eine Gabel aus dem Abwasch greift und setzt sich an den Küchentisch. Die Nudeln haben die Sauce seit dem Vorabend aufgesogen. Das Hähnchenfleisch ist kalt und labberig. Er beginnt die Reste in sich rein zu schaufeln. Draußen rauschen nur sporadisch Autos vorbei. Wer nicht im Stadtzentrum ist, muss wohl noch im Urlaub am Meer, in den Bergen oder auf Malle sein. Er versucht die Ruhe zu genießen, überlegt, wen er anrufen, mit wem er weggehen könnte.



Hans ist sicher mitten im Demozug zu finden. Thor Steinar war bei ihm nicht nur eine Phase schlechten Geschmacks. Olli wird Hans wohl gegenüberstehen, ist er doch inzwischen ganz offen Linker geworden. Keiner von den zündelnden Steineschmeißern. Gutmensch eben. Integration statt Abschiebehaft, immer kontra dem rechten Denken. Aus Prinzip und Überzeugung. Doch er ist noch nicht bereit, sich an Ollis Seite zu erkennen zu geben. Es wird schon vorbeigehen. Wie mit den Hartzern und den Griechen. Abgelöst durch ein neues Feindbild.



Er dreht das kalte Wasser auf, legt sich in die Wanne und beobachtet den steigenden Wasserspiegel. Sein untergetauchter Kopf lässt auch die letzten Außengeräusche verstummen. Er schließt die Augen, vergisst die schwere Luft, verdrängt die aufgeheizte Stimmung. Es wird schon vorübergehen.



Er beginnt zu schweben, sieht die guten alten Zeiten vor seinem inneren Auge. Mit Hans und Olli in der Schule. Keine Sorgen weit und breit. Saufen, feiern, tanzen. Das volle Programm.



Er hört einen dumpfen Schlag, öffnet die Augen, taucht auf. Von draußen hämmert der Regen an die Scheibe. Der Himmel ist grau. Blitze zucken über der Stadt. Das Wetter ist gekippt. Sicher nur ein Moment.